Mit der Bedeutung des unbestimmten Rechtsbegriffs der Allgemein anerkannten Regeln der Technik haben sich Rechtssprechung und Wissenschaft befassen müssen, seit dieser Begriff in den Straftatbestand der Baugefährdung aufgenommen wurde. Das Reichsgericht hat im Jahre 1910, mit Bezug auf ein eigenes Urteil von 1891, in einem Strafverfahren zum Baugefährdungsstraftatbestand den Versuch einer Auslegung dieses Rechtsbegriffes unternommen. Die Definition des Reichsgerichts von 1910, über Jahre als Reichsgerichtsformel bezeichnet, sind nicht nur bis heute für die Auslegung im Strafrecht maßgeblich, sondern wurden zunehmend auch für die Handhabung dieses Rechtsbegriffes im gesamten öffentlichen Recht übernommen. Auch das Bundesverfassungsgericht hat bereits in einer Urteilsbegründung bzgl. der Allgemein anerkannten Regeln der Technik auf die Begriffsbestimmung des Reichsgerichts zurückgegriffen.

Nach heutigem Sprachgebrauch und Verständnis lässt sich die Reichsgerichtsformel etwa folgendermaßen zusammenfassen: „Als allgemein anerkannte Regeln der Technik sind die Regeln der Technik zu verstehen, die auf wissenschaftlicher Grundlage und/ oder fachlichen Erkenntnissen (Erfahrungen) beruhen, in der Praxis erprobt und bewährt sind, Gedankengut der auf dem betreffenden Fachgebiet tätigen Personen geworden sind und deren Mehrheit als richtig anerkannt und angewandt werden.“ Das vom Reichsgericht genannte Anerkennungsgremium der überwiegenden Zahl der betreffenden Techniker ist allerdings nicht artikulationsfähig. Deshalb wird es in Streitfällen immer wieder Aufgabe der Gerichte sein, durch Sachverhalts- und Tatsachenfeststellung zu klären, welche Regeln der Technik für den konkreten Fall von der Fachwelt anerkannt sind und von der Mehrzahl der Praktiker angewandt werden.

Was unter den Allgemein anerkannten Regeln der (Bau)Technik zu verstehen ist, ergibt sich aus einer Formulierung zum VOB-Kommentar. Danach stellen die Allgemein anerkannten Regeln der (Bau)Technik die Summe der im Bauwesen anerkannten wissenschaftlichen, technischen und handwerklichen Erfahrungen dar, die durchweg bekannt und als richtig und notwendig anerkannt sind. Sie können nicht pauschalisiert und nicht kodifiziert werden, da die Frage, welche Regeln der Technik im Allgemeinen als anerkannt gelten, nur im konkreten Einzelfall aufgrund der einschlägigen gesetzlichen Ziel- oder Zweckbestimmungen sowie der faktischen Anerkennung und Anwendung der technischen Regeln beurteilt und letztlich nur durch Gerichtsentscheid geklärt werden kann. Außerdem sind die technischen Lösungsmöglichkeiten einer ständigen Weiterentwicklung unterworfen (technischer Fortschritt) und deshalb die Grenzen der Allgemein anerkannten Regeln der (Bau)Technik fließend. Hinzu kommt, dass alle denkbaren Sachverhalte mit den dazu jeweils als allgemein anerkannt geltenden Regeln der Technik auch nicht annähernd erfassbar sind.

Die Grundlage der Allgemein anerkannten Regeln der (Bau)Technik bilden: die DIN-Normen des Deutschen Institutes für Normung e.V., die Einheitlichen Technischen Baubestimmungen (ETB), die Bestimmungen des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton, die Bestimmungen des Verbandes Deutscher Elektrotechniker (VDE), die Unfallverhütungsvorschriften der Bauberufsgenossenschaften, die Bestimmungen vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfach (DVGW) und von den Bauaufsichtsbehörden eingeführte technische Bestimmungen des Deutschen Instituts für Normung. Auch wenn für den VOB/B-Vertrag die Allgemein Technischen Vertragsbedingungen im Teil C als vereinbart gelten (§1, Ziffer 1, Abs. 2), so muss allerdings berücksichtigt werden, dass sich die DIN-Normen als technische Regelwerke mit der Zeit ändern und damit ihre Aktualität verlieren können. Des Weiteren bestehen eine Reihe von überholten DIN-Normen, die ihre Bedeutung für die allgemein anerkannten Regeln der (Bau)Technik verloren haben (BGH).

Wer die Allgemein anerkannten Regeln der Technik beachtet, für den spricht der Beweis des ersten Anscheins (tatsächliche Vermutung), dass er richtig gearbeitet hat. Im Streitfall muss das Gegenteil bewiesen werden. Die Allgemein anerkannten Regeln der Technik sind also Beweisregeln. Wer von den Allgemein anerkannten Regeln der Technik abweicht, hat deshalb noch nicht falsch gearbeitet. Er muss allerdings den Nachweis erbringen, dass auch die Abweichung die Gesetzes- oder Vertragsanforderung genügt. Im Streitfall heißt dies die

Umkehrung der Beweislast.